Digitale Detektivgeschichten

Foto: Amrei Oellermann

AIs Bürgermeister Kevin Wiest die Oberstadioner Drittklässler zum Vorlesetag begrüßte, war es im Klassenzimmer mucksmäuschenstill. Wohl weniger aus Ehrfurcht vor dem Rathauschef, sondern vielmehr wegen der noch ungewohnten Art und Weise, wie dieser an die Schule kam: Wiest war per  Live-Video auf einem der neuen Smartboards der Schule zugeschaltet. Die moderne Technik sorgte dafür, dass nicht nur die Kinder den Bürgermeister sehen und hören konnten, sondern dass  umgekehrt auch Wiest die Kinder sah und hörte. Am Freitag ermöglichte das einen vollständig  Corona-sicheren bundesweiten Vorlesetag – denn wo kein persönlicher Kontakt, da auch keine Ansteckung. Zugleich war die Aktion für Rektor Tobias Tress und Wiest selbst aber auch ein Testlauf: Sollte es im weiteren Verlauf der Pandemie dazu kommen, dass mehrere Lehrer in Quarantäne sind, könnte über das Smartboard dennoch Unterricht in der Schule stattfinden. Die Lehrer würden dazu einfach aus dem Heim-Büro ins Klassenzimmer geschaltet und könnten mittels Smartboard fast wie gewohnt mit  ihren Schülern interagieren. Vor Ort wäre in diesem Fall lediglich eine Aufsichtsperson notwendig, die aber kein Pädagoge sein muss, erläutert Tress die Überlegung  der Schule: „Das könnten dann unser Bufdi oder unsere Jugendbegleiter übernehmen.“ Der Vorlesetest jedenfalls verlief vielversprechend. Obwohl Wiests Headset ausgerechnet an diesem Morgen streikte und Tress ihm ein Ersatzgerät ins Rathaus bringen musste – die Übertragungsqualität war bestens. Wiest, ehemals Polizist, las den Kindern Detektivgeschichten vor, bei denen sie mitraten konnten. Die Drittklässler waren mit Feuereifer bei der Sache. Viele Eltern lesen kaum vor Auch die anderen  Klassenstufen der Christoph-von-Schmid-Schule hatten an diesem Morgen Vorlesebesuch. Den Erstklässlern lasen Sandra Volz und Birgit Ege vom örtlichen Büchereiteam aus dem Kinderbuch „Hexe Hatschi macht Geschichten“ vor, bei den Zweitklässiern war Tress’ Frau, die Rottenacker  Schulleiterin Katin Tress, mit dem Buch „Urmel aus dem Eis“ zu Gast. Beiden Viertklässlern las Sissi Gräfin von Schönborn die Geschichte „Der Mann, der Bäume pflanzte“ – und versprach passend zum  Thema, den Schülern im nächsten Frühjahr ihren Wald zu zeigen. Für Schulleiter Tobias Tress ist der bundesweite Vorlesetag ein wichtiger Termin im Schuljahr. Die Grundschule in Oberstadion sei seit Jahren dabei, erklärt er und betont die Wichtigkeit von Aktionen wie dieser: „Ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern nie Immer am dritten Freitag im November Aktionstag Der bundesweite  Vorlesetag ist seit 2004 Deutschlands größtes Vorlesefest und eine gemeinsame Initiative von DIE ZEIT, Stiftung “ Lesen und Deutsche Bahn Stiftung. Jedes Jahr am dritten Freitag im November soll der Aktionstag ein Zeichen für die Bedeutung des Vorlesens setzen und Kinder sowie Erwachsene für Geschichten  begeistern. In diesem Jahr haben trotz der Pandemie mehr als 500 000 Vorleser und Zuhörer teilgenommen. oder nur selten vor“, zitiert er eine Studie. Nicht wenige Schüler hätten nicht einmal  zehn Bücher zu Hause. „Das ist für mich unfassbar“, sagt Tress. Denn Lesen und Vorlesen seien zentral für so viele Bereiche: Sie dienten dem Aufbau eines breiten Wortschatzes, regten die Fantasie an, Förderten aktives Zuhören und Konzentration. An der Grundschule in Oberstadion wird deshalb das  Ganze Jahr über viel (vor)gelesen: Jeder Lehrer liest seiner Klasse etwa während der Vesperpause eine  Geschichte vor, jeder Schüler darf im Unterricht sein Lieblingsbuch vorstellen.